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Wohnen, Arbeiten, Kultur im Silo – das neue Leben der Gottschalks Mühle in Hilden

23. September 2018

Zehn Kerzen auf der Geburtstagstorte machen schon was her – 2008 begann die Sanierung des denkmalgeschützten Ensembles Gottschalks Mühle. Wenn man die lange Geschichte der Mühle insgesamt betrachtet, dann braucht es viele Torten, denn Mühle und Mühlenhof haben rund 700 Jahre auf dem Buckel. Unmittelbar an der Hildener Innenstadt gelegen hat sich dieses Stück Industriegeschichte zu einem Ort gewandelt für zeitgemäßes Wohnen und Arbeiten. Darüber hinaus bietet der Silo, der ehemalige Getreidespeicher der Mühle vielfältige Möglichkeiten als kulturelle Eventlocation.

Gemeiner Architekten
Gemeiner Architekten
Gebäude-Ensemble Gottschalks Mühle

Die Geschichte der Gottschalks Mühle reicht zurück bis ins 14 Jahrhundert. Friedrich von Saarwerden, genannt Friedrich III. war Erzbischof von Köln. An ihn verpfändete Christian von Krumbach, ein Kanoniker in Münstereifel die Mühle, den Mühlenhof und ein Waldstück, um im Gegenzug eine lebenslange Erbrente zu erhalten. Das Mahlwerk der Mühle wurde durch ein Wasserrad betrieben, das von der Itter gespeist wurde. Die Hildener Mühle war eine sogenannte herrschaftliche Zwangsmühle, abgabepflichtige Bauern aus dem Umland waren verpflichtet, ihr Korn hier gegen einen Obolus mahlen zu lassen. Die Mühle wechselte im Laufe der Zeit häufig ihre Besitzer. 1832 schließlich kaufte der Müller Hermann Gottschalk die Mühle. Ab Mitte des 19. Jahrhundert erhielt Gottschalk die Genehmigung, an diesem Ort auch Farbenextrakte herzustellen. Mit Aufkommen der Kunstfarben wurde dieser Geschäftszweig 1859 verkauft. 1862 übergab Vater Gottschalk seinem Sohn Julius das Unternehmen, das inzwischen „Gottschalks Mühle“ hieß. Julius baute die Mühle, die mittlerweile mit Dampfkraft betrieben wurde, zu einer großen Getreidehandelsmühle aus. Haupthandelsgüter waren Schrot und Futtermittel.  Nach 30 Jahren übertrug er seinen beiden Söhnen die Geschäftsleitung. Albrecht und Julius Gottschalk junior änderten den Betrieb in eine profitable Walzmühle. 1936 kauften Herrmann und Anneliese Schmidt das Unternehmen, es ist bis heute im Familienbesitz. Nun erfolgte eine umfassende Modernisierung, der Mahlbetrieb wurde bis 1942 wieder auf Wasserkraft aus der Itter umgestellt.

Bergisches Mehlkontor 50er Jahre

1995-2005: Dornröschenschlaf, dann Neuanfang

Seit 1987 ist die „Gottschalks Mühle“ Denkmal. 1995 schließlich wurde der Mühlenbetrieb eingestellt. Es folgten 10 Jahre Dornröschenschlaf, in denen große Bereiche des ehemaligen Mühlengeländes als Lager genutzt wurde. Doch reifte in dieser Zeit der Wunsch der Familie Schmidt, die Gottschalks Mühle ganz neu anzupacken. Realisator des Projekts wurde das Hildener Architekturbüro Gemeiner Architekten. 2005 setzte Christof Gemeiner zum ersten Mal seinen Fuß in das Gebäudeensemble. „Es war so, als sei die Zeit stehengeblieben. Die Maschinen, die besondere Einbauten wie die Rutschen, Waagen, Elevatoren, Paternoster oder Getreidereiniger waren in einem super Zustand“, erinnert er sich. Die Gebäudesubstanz allerdings war aufgrund des langen Leerstands denkbar schlecht.

Leitidee von Christof Gemeiner: Zeitspuren in aktuellen Kontext stellen

Unter seiner Regie wurde der Bestand umgebaut und erweitert. Drei Jahre dauerte die Revitalisierung des denkmalgeschützten Bergischen Mehlkontors, wie die Mühle auch genannt wird. Das Ensemble gliederte sich in mehrere Objekte, die beibehalten wurden und in drei Bauabschnitten unterteilt waren: Bauabschnitt 1 war das im Osten gelegene Wohnhaus mit fünf Einheiten, Bauabschnitt 2 war der Mittelteil mit Büro- und Gewerbeflächen, das ist die denkmalgeschützte Mühle mit der Schieferverkleidung und schließlich Bauabschnitt 3 mit dem westlich gelegenen Silo als neuem Veranstaltungsraum und dem „Kubus“ mit weiteren Büroräumen.

Gemeiner Architekten
Gemeiner Architekten
Denkmalgeschütztes Mühlengebäude mit Anschnitt Kubus

Ein Treppenturm mit Aufzug ist die einzige bauliche Ergänzung. Er ist die Verbindung zwischen Wohnhaus und Mittelteil und ermöglicht einen barrierefreien Zugang.  Das Ziel war für Gemeiner, soviel wie möglich von der historischen Substanz zu erhalten. Doch sollte das Ganze nicht pure Rekonstruktion sein, sondern der Leitgedanke war, das Alte wie eine Zeitspur in einen neuen, aktuellen Kontext zu stellen. Dafür wurden zum Beispiel die rostenden Kornsiebe als Absturzsicherung eingesetzt oder die alten Hölzer der Kornrutschen dienten nun als Füllung für die neue Eingangstür. Große Elemente der Elevatoren und Paternoster sind im Mühlengebäude noch zu sehen.

Gemeiner Architekten
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Restaurierte Mauer neben dem Haupteingang des Mühlengebäudes
Gemeiner Architekten
Gemeiner Architekten
Innenansicht Mühlengebäude mit Rutsche und Elevator

Teile der ehemaligen Sackrutsche stehen heute wie skulpturale Elemente im Raum des mittleren Bürobereichs. Früher durchliefen sie alle Etagen und dienten den Schmidt Kindern gelegentlich als Rutsche. Die alten ausgetretenen Treppenstufen des Mühlengebäudes wurden gedreht und wieder verbaut als Treppenstufen des Silos, des Veranstaltungsraumes an der Stelle des alten Getreidesilos. Dessen Backsteinwände wurde nur gereinigt und wo nötig nachverfugt. Die alte, nicht mehr tragfähige Dachstuhlkonstruktion ist noch heute sichtbar. Zur Gebäudeaussteifung wurden eine offene Galerie und ein neuer Dachstuhl darüber gebaut.

Material- und Farbkonzept für ein harmonisches Gesamtbild

Der Maßnahme „Gottschalks Mühle“ lag ein umfassendes Gesamtkonzept zu Grunde, das sich gliedert in ein Material- und Farbkonzept und ein Licht- und Akustikkonzept. Um Ruhe und gleichzeitig Spannung in den Gebäudeverbund mit unterschiedlichen Nutzungen zu bringen, folgte die Farbe dem Material: das Schwarzgrau des Schiefers, das die Außenhülle des Gebäudes bildet und in der Wahl des dunkeln Gussasphaltbodens sein laufruhiges Pendant findet, das Beigegrau des Natursteins, dem angepasst das Lichtgrau-lasierte Holz der markanten Lamellenfassade des Kubus, das Rotbraun der rostenden Siebbleche und das Dunkelrot des alten Backsteins des Silos.Dass die Gebäudeeinheiten der Gottschalks Mühle, die aus denkmalgeschützten Teilen und modernen Baukörpern bestehen, ein harmonische Gesamtbild ergeben, liegt an eben diesem Farb- und Materialkonzept. Durch die Inszenierung einzelner Fassadebereiche durch das Lichtkonzept der Firma Rauschlicht wird der Blick geleitet: beim mittleren Kontorgebäude rückt die Schieferfassade in den Fokus, beim Silo sind es die alten Backsteinwände. Für die Außenleuchten kamen Bronze- und Edelstahloberflächen in Frage. Die Holzlamellen des Kubus werden von der umlaufenden Brüstung aus mit LED-Strahlern beleuchtet. Bronze ist auch das Oberflächenmaterial der Kuppel- und Wandleuchten im Eventbereich des Silos. Da im Mietbereich des Kubus viele Betonflächen entstanden sind, sorgen Akustiksegeln mit indirekter Beleuchtung sowohl für Licht als auch für eine angenehmen Raumakustik.

Gemeiner Architekten
Gemeiner Architekten
Gebäudeensemble mit Kubus und dem Silo, dem neuen Veranstaltungsort im ehemaligen Kornsilo

Auf dem Außengelände der Gottschalks Mühle erinnern Maschinendetails an die frühere Produktionsstätte. Aus ihr ist ein attraktiver Standort für Gewerbe, Leben und besondere Events geworden, der Preise für gute Gestaltung bekommen hat, zum Beispiel den Rheinischer Preis für Denkmalpflege des Landes NRW in 2012 und 2014 die Auszeichnung guter Bauten des Bund Deutscher Architekten (BDA). Mehr zur Geschichte und zu aktuellen Veranstaltungen findet man unter www.gottschalksmuehle.de.

Text: Monika Medam